Das Höcker Album – Auschwitz durch die Linse der SS

„Kann man am Mord von Hunderttausenden beteiligt sein und zugleich Freizeit genießen? “

Eine sehr deutsche Frage wird hier gestellt unter dem Schatten von Auschwitz.

Ein Blick ohne Schatten auf die Welt von heute zeigt uns z.B. beim IS, der sich auf den Islam beruft, daß es ohne Probleme möglich ist, erst Menschen zu köpfen, dann ein Barbecue abzuhalten und sich danach an gekauften Frauen zu vergehen – und nicht nur dort.

Selbst in Deutschland wird seit Jahrzehnten über die Folterer in anderen Ländern geschrieben, die sich nach getaner Arbeit entspannen. Ich erinnere mich an unzählige Artikel in Spiegel und Stern dazu.

Für Aufregung in den Medien sorgten zuletzt weltweit die Fotos von Abu Graib, wobei das US-Militär selbst dafür sorgte, dass die Täter verfolgt wurden und dies alles öffentlich wurde.

Das ist hier anders. Im Höcker Album werden nicht die Opfer fotografiert sondern die Täter von Auschwitz bei ihren Freizeitvergnügen nach der Vergasung unschuldiger Menschen.

2007 erhielt das United States Holocaust Memorial Museum von einem ehemaligen Lieutenant Colonel der U.S. Army ein Fotoalbum, das dieser 1946 in Frankfurt ›gefunden‹ hatte. Das Album entpuppte sich schnell als Sensation. Denn es gehörte Karl Höcker, Adjutant des letzten Lagerkommandanten von Auschwitz, Richard Baer.
Die 116 Bilder zeigen SS-Personal und Besucher: bei der Jagd, bei Schießübungen, bei Freizeitaktivitäten – parallel zum Massenmord in Auschwitz zwischen Juni 1944 und Januar 1945. Abgebildet sind u. a. Richard Baer, Rudolf Höß, Josef Kramer, Franz Hößler, Otto Moll und Josef Mengele. Die Bilder geben ganz neue Hinweise auf Verbindungen und Seilschaften der SS-Größen. Und sie zeigen Verantwortliche und Ausführende des Massenmords, die hier erstmals identifizierbar werden. Der vorliegende Band publiziert das Höcker-Album vollständig auf Deutsch. Beiträge von neun internationalen Autoren erschließen das Album im Kontext der Zeit wie auch den Fall Höcker.

Das Buch zeigt was passiert, wenn Gesetze es erlauben, andere Menschen wegen ihres Glaubens oder ihrer Anschauungen zu verfolgen und zu bestrafen.

Aus genau dieser Erfahrung entstand das deutsche Grundgesetz als Antwort darauf. Macht wird nur durch Gegenmacht begrenzt und soziale Absicherung ist die Grundlage für die Stabilität der Demokratie.

Wenn man den Anfängen wehren will bedeutet dies aber eben nicht alles zuzulassen sondern zuerst dafür zu sorgen, daß die Demokratie als Schutzraum erhalten bleibt.

Wer dann den Sozialstaat abschafft durch Hartz 4 und die Grenzen niederreißt zerstört die Demokratie und läßt zu, daß diese Verhältnisse  zurückkehren können.

Der IS ist quasi eine Urform des Neoliberalismus, der die Menschen dem Recht des Stärkeren überläßt, wo nur Gewalt gilt.

Genau dagegen steht z.B. unser Grundgesetz mit den Erfahrungen der NS-Zeit.

Und so finden wir in diesem Buch viele Beispiele dafür, wie staatlich legitimierte Ausgrenzung zur Vernichtung führt. So schnell geht es, wenn man es zuläßt.

Hier auf diesem Blog sind diese Zeilen zu diesem Buch zu finden, weil es um Fotografie geht, die Linse der SS.

„Die auf den ersten Blick harmlos bis banal wirkenden Aufnahmen offenbaren sich nach genauer Untersuchung und Einordnung als Schlüsselquellen zur Aufgliederung des Mordpersonals und -prozesses in Auschwitz… Die Fotoserien bieten als historische Sichtfenster tiefe Einblicke in das Gefüge und die Kausalität des Personaleinsatzes.“

Diese Einschätzung von Stefan Hördler wirft heute neue Fragen auf. Die Amerikaner haben dieses Album 2007 erhalten als die meisten Prozesse schon vorbei waren und man sich mehr Beweise gewünscht hätte. Man mache sich klar, daß ein amerikanischer Offizier diese Dinge viele Jahre zurückgehalten hatte mit denen in Deutschland Mordprozesse hätten erfolgreich sein können.

Während diese Frage hier unbeantwortet bleibt, möchte ich eine andere Frage stellen. Wie geht das mit fotografischen Beweisen im Zeitalter der digitalen Fotografie weiter?

Gedruckte Fotos in der hier vorgefundenen Form gibt es heute wohl kaum noch. Die Cloud und das Smartphone und abnehmend der PC sind aktuell die Orte an denen Fotos gezeigt werden.

Die Zukunft liegt daher eher in der Erforschung digitaler Bestände. Aber kann dies überhaupt gehen. Der Soldat nahm damals das Album mit. Heute kann niemand die Bestände in einer Cloud oder bei einem Account von Facebook mitnehmen. Genau hier zeigt sich nicht nur ein grundlegender Wandel sondern auch eine neue Gegenwart, die grenzüberschreitend neue Machtverhältnisse und neue Wirklichkeiten kreiert.

Der absoluten Manipulation ist Tür und Tor geöffnet und das geschieht wie uns Edward Snowden zeigte.

Einzig die Öffentlichkeit kann aktuell gewissen Schutz bieten aber nur da, wo Meinungsfreiheit und freie Presse existieren.

So zeigt gerade der Rückblick auf das Höcker Album die Gegenwart in neuem Licht und wirft die Fragen auf, die dringend beantwortet werden müssen.

Das Buch ist im Theiss Verlag erschienen.

Hrsg. von Christophe Busch, Stefan Hördler und
Robert Jan van Pelt.
Das Höcker-Album
Auschwitz durch die Linse der SS
Mit einem Vorwort von Michael Wildt.
Verlag Philipp von Zabern – WBG
2016. Etwa 336 S. mit ca.150 s/w Abb. Register,
geb. mit SU.
Gebundener Ladenpreis: € 49,95 [D]
ISBN 978-3-8053-4958-1

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